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Was mir an Spider-Man Remastered noch so gefallen hat (Spoiler-Alarm)

Das beste an Insomniacs Spider-Man ist für mich die Story gewesen, aber ganz ohne Spoiler kann ich diese Begeisterung nicht beschreiben...

Insomniacs Spider-Man-Geschichte setzt sich in vielerlei Hinsicht von anderen Superhelden-Geschichten ab, schon alleine weil man mit Peter Parker einen Protagonisten gewählt hat, der einem Superman oder Bruce Wayne nicht ferner stehen könnte. Spider-Man gilt nicht umsonst als Mann des Volkes, denn er kämpft mit den vielen Problemen, die auch Normalsterbliche erleben und während man Superman gerne als den Inbegriff amerikanischer Ideale stilisiert, Peter Parker, der seinen Onkel durch Waffengewalt verloren hat, mit hoher Verschuldung durch Studienkrediten und dem Versagen des Justizsystems gegenüber  kriminellen Millionären und Milliardären zu kämpfen hat ist auf seine Weise ebenfalls typisch für das reale Vorbild hinter Marvels Amerika. Peter lebt prekär und so beginnt seine Geschichte auch schon damit, dass er schon mit der letzten Mahnung vor einer Wohnungsräumung steht, für seinen Job als Dr. Otto Octavius quasi wie ein Pflichtpraktikant nicht entlohnt wird und ohne seinen Freund Harry Osborn am Ende bei Tante May auf der Couch schlafen muss. Dass May zu diesem Zeitpunkt als Leiterin einer Notunterkunft arbeitet birgt eine gewisse Ironie, denn im Verlauf der Story landet Peter nach erfolgter Wohnungsräumung tatsächlich auf der Straße. Ein Superheld ohne Einkommen und Dach über dem Kopf - der trotzdem für die Sicherheit seiner Stadt eintritt? Da kann man Peters Heldentum durchaus schon Respekt zollen, denn er bekommt im Endeffekt höchstens hin und wieder eine gratis Mahlzeit dafür New Yorks ikonischer Beschützer zu sein. 

 

Zumindest bleiben Peter am Beginn der Story aber noch seine Hoffnung. Als Octavius Assistent kann er an einem Projekt arbeiten, dass verspricht die Herstellung von Arm- und Beinprothesen, sowie Exoskeletten zu revolutionieren. Der große Durchbruch ist in greifbarer Reichweite und dann werden auch die Fördergelder fließen. Selbst zu Norman Osborn hat Peter anfangs noch ein ziemlich ungetrübtes Verhältnis und Osborn würde Peter Octavius wohl auch gerne abwerben. Octavius Quasi-Ein-Mann-Unternehmen ist jedoch ziemlich realistisch gestaltet. Außer seinem revolutionären Projekt für die Vernetzung des menschlichen Gehirns mit künstlichen Gliedmaßen hat Otto keine anderen Eisen im Feuer. Das Startup hängt am seidenen Faden, wenn ihm die ungleich mächtigere Konkurrenz Oscorp den Zufluss von Fördergeldern abgraben wird. Und so neutral sich Osborn anfangs auch präsentiert, seine Handlungen sprechen dann doch für sich. Als Bürgermeister und CEO von Oscorp treibt er seine politischen Machenschaften soweit, dass Octavius den Zuschlag verliert und der Forschungsauftrag auf Oscorp übergeht. Für Osborn mag das business as usual gewesen sein, doch Otto wird ihm das nie verzeihen, immerhin haben die beiden einst sogar zusammengearbeitet. Um sein Unternehmen am Laufen zu halten, (aber nicht notwendigerweise um Peter sein Gehalt auszubezahlen) geht der Doc sogar einen Deal mit der Organisation AIM ein, die Marvel-Kennern vielleicht als sinistreter Thinktank aus Iron Man 3 oder als Gruppe mit einem Hang zur Entwicklung und zum Diebstahl von Hightech-Geräten aus den Comics bekannt ist. Unter Druck und Zorn auf Osborn gibt Peters Idol langsam seine moralischen Grundsätze auf und Peter scheint diesen Prozess nicht einmal richtig zu erkennen, da er bis zuletzt von Octavius Genialität und der Bedeutung seines einstigen Herzensprojekts geblendet ist. Als Zuseher kann man jedoch deutlicher erkennen, dass Otto nicht einfach der verhinderte Nobelpreisträger ist, sondern ein Mensch, der nicht ganz so altruistisch handelt. Peter mag es egal sein, dass er nie einen Cent von Octavius zu sehen bekommt, doch schon das ist ein Zeichen von der Besessenheit die hier die Transformation zu Doc Ock vorantreibt. Es ist nicht alles das Implantat, dass Otto Octavius am Ende zu einem Schurken werden lässt, der für seine Rache an Osborn ganz New York zu opfern bereit ist. Ottos Hoffnung auf einen baldigen Durchbruch und sein Unwille einfach aufzugeben erscheint Peter zunächst heldenhaft, aber am Ende steckt dann doch auch die Tatsache dahinter, dass Otto selbst die Gefahr des Verlusts seiner motorischen Fähigkeiten droht.

Mary Jane Watson als investigative Journalistin zu erleben ist zunächst etwas ungewohnt. Aus den Filmen und Comics war ich es zumindest eher gewohnt, dass sie Schauspielerin oder Model werden wollte. Stattdessen übernimmt sie in Insomniacs Spider-Man die Rolle der Detektivin. Spider-Man muss sich also gar nicht so sehr mit den Dingen beschäftigen, die um ihn herum passieren, denn das Gros der Ermittlungsarbeit übernimmt für ihn MJ. Was beiden in der Story gemein ist, wäre wohl ihr Antrieb etwas erreichen zu wollen. MJ jagt nach der großen Story und Peter nach einem wissenschaftlichen Durchbruch an der Seite seines Mentors Dr. Octavius. Auf gewisse Weise sind sie beide damit die Helden dieser Geschichte und es ist ja auch MJ die einige der wertvollsten Teaser und Enthüllungen zu Tage fördert (gerade in Osborns Penthouse).

Neben MJ und Peter steuert man in einigen Nicht-Spider-Man-Szenen auch Miles Morales, dessen Auftritt ich bei meinem ersten Playthrough kaum erwarten konnte. Natürlich hinterlässt Miles Auftreten manchen Spider-Man-Fan auch mit einem unguten Gefühl zurück, denn sowohl in den Ultimate Spider-Man Comics, als auch in Into the Spider-Verse trat Miles als Nachfolger Peter Parkers als Spider-Man in Erscheinung. Bis zu diesem Spiel schien es also immer so, dass Peter Parker sterben muss, um den Weg für Miles Morales zu ebnen. In den Comics konnte Miles jedoch auch deshalb so schnell in Peters Fußstapfen als Spider-Man treten, weil er bestimmte neue Fähigkeiten erhalten hatte. Miles kann sich demnach unsichtbar machen und er besitzt eine Art Venom Blast-Fähigkeit, mit der er Gegner betäuben kann. Diese Skills erlaubten es Comic-Miles dann auch ohne einen anderen Spider-Man als Mentor zu seinem Vorgänger aufzuschließen. In Insomniacs Spiel hat Miles jedoch sogar noch mehr Glück als die Animationsfilm-Variante seines Charakters, denn er kann den Spider-Man seines Universums als seinen Mentor gewinnen.

 

Von der Dynamik zwischen Peter und Miles ist zunächst jedoch nur zu sehen wie Peter versucht Miles auf Abstand zu halten. Nach allem was Peter als Spider-Man erleben und erfahren musste würde er seinem Schützling wohl so einige der bitteren Erfahrungen ersparen, die er selbst machen musste. Doch der 15jährige Miles ist eben noch ziemlich gehyped davon nun ein Spider-Men zu sein. Irgendwo auch verständlich. Und ich sende auch ein große Danke an den Himmel, dass es ein Sequel mit Miles in der Hauptrolle gibt. Was Miles als Spider-Man für mich auch so interessant macht ist, dass er Peter als Idol sieht und das obwohl der arbeits- und obdachlose Parker eigentlich überhaupt nicht so gut dasteht. Peter selbst scheint mir mehr von seinen Mängeln zu sehen als Miles und er zögert wohl deshalb auch. In der Story verliert Miles jedenfalls einen Vater, etwas das ihn vielleicht sogar noch stärker prägt als Peters Verlust von Onkel Ben. Officer Jefferson Davis hatte zwar keine Superkräfte, aber er starb als Held und schon der Umstand, dass Miles Vater als Polizist für Recht und Ordnung sorgen wollte dürfte auf seinen Sohn abgefärbt haben. Peters Entscheidung Spider-Man zu werden hängt zwar mit Onkels Ben Tod zusammen, doch er hatte mehr Wahlfreiheit. Miles wuchs hingegen bereits in einem Haushalt auf, der durch seine Mutter als Krankenschwester und seinen Vater als Streifenpolizisten einschlägig geprägt war. Ich würde immer noch nicht behaupten Miles wurde in die Rolle des Helden hinein geboren, denn man kann sich vom Vermächtnis seiner Eltern ja auch abspalten, aber Miles Verständnis seiner Rolle als Spider-Man dürfte durchaus von der Selbstlosigkeit seiner Eltern profitieren.

 

Auch wenn gut 8 Jahre zwischen Peter und Miles liegen, so ist Peter doch immer noch relativ jung und könnte sich mit der Rolle des Mentors überfordert fühlen, zumal er ja selbst genug Probleme in seinem Leben zu haben scheint. Miles ist zudem noch nicht ganz aus der Pubertät und seine Heldenverehrung gegenüber Spider-Man könnte sich auch noch etwas ändern, wenn er älter wird und selbst einiges an traumatischen Erlebnissen aus der Superheldentätigkeit zu verarbeiten hat. Ich sehe jedenfalls durchaus die Möglichkeit, dass Miles irgendwann aus Peters Schatten heraus treten will, auch wenn ich am Heldentum dieses Spider-Mans noch nichts auszusetzen finden würde. 

 

Bei allem was Peter erlebt, namentlich Tante Mays Tod, der Enthüllung dass Harry Osborn tödlich erkrankt ist und irgendwo in einem geheimen Labor seines Vaters versteckt gehalten wird, sowie den Enttäuschungen über Doc Ock und Osborns Umgang mit dem von seiner Firma geschaffenen Virus in New York, dürfte sich durchaus einiges in ihm angestaut haben. Man sieht ihn diese Erlebnisse jedoch nicht wirklich auf- oder verarbeiten. Stattdessen muss die Show einfach weiter gehen, denn New York braucht ja seine freundliche Spinne aus der Nachbarschaft. Genau diese angestauten und verdrängten Gefühle könnten Peter jedoch noch einmal zum Verhängnis werden, gerade wenn er mit etwas wie dem Venom-Symbionten in Kontakt geraten sollte, der solche Gefühle ja an die Oberfläche dringen lässt. Nachdem Peters Leben gegen Ende der Story noch prekärer als am Anfang geworden ist, liefe er vielleicht sogar Gefahr am Ende noch mehr zu verlieren. Mit MJ wäre er ja gleich die letzte Verbindung zu seiner Vergangenheit los und Miles irgendetwas an den Kopf zu werfen würde ihn auch noch der letzten Couch berauben, auf der er schlafen kann, wenn er wieder einmal nicht in der Lage sein sollte eine Wohnungsräumung zu vermeiden.

 

Ohne Yuris Hilfe wird es für Spidey nach der Auseinandersetzung mit Doc Ock auch schwieriger mit dem NYPD zusammen zu arbeiten. Da bleibt Peter nur noch MJ als Verbündete übrig, eh schon wie im dritten DLC nach Yuris Beurlaubung. Osborns mögliche Abwahl ist zudem keine Garantie, dass das offizielle New York Spider-Man freundlich gesinnt sein wird. In den Comics wurden scheinbar sowohl Wilson Fisk, als auch J. Jonah Jameson Bürgermeister New Yorks. Fisk sitzt zwar noch seine Strafe ab, aber der erfolgreiche Podcaster und Ex-Medienmogul Jameson könnte die Gunst der Stunde nutzen sich ein öffentliches Amt zu sichern.

Man kann es drehen wie man will, aber in Insomniacs Spider-Man ist Oscorp der Dreh- und Angelpunkt der Eskalationsspirale in New York City. Ohne Osborns skrupellose Experimente wäre Martin Li nie Mr. Negative geworden, Doc Ock hätte sich ohne Osborns Geschäftspraktiken wohl auch nie der Gründung seiner Sinister Six zugewandt und Hammerhead hätte in den DLCs nicht die Mittel gefunden alle Familien der New Yorker Mafia zu untewerfen, indem er seine Soldaten mit den Waffen der Sable International-Söldner made by Oscorp aufrüstete. Dabei gibt sich Osborn am Beginn der Story noch nicht einmal Mühe Superschurken zu erschaffen. Bis zum Ende bleibt er sogar dabei Norman Osborn zu sein, denn vom Goblin-Serum ist in diesem Spiel noch nichts zu sehen. Dafür gibt es halt Hinweise auf die verschiedenen Gadgets des Goblins. Das Serum selbst ist aber vielleicht noch interessanter, weil es in den Comics ja auch als einer der Versuche galt ein neues Supersoldaten-Serum zu erschaffen. Statt zum nächsten Captain America wird Osborn bei den Selbstversuchen in Comics und Filmen jedoch immer der Green Goblin. Oscorps Ambitionen in der Waffenentwicklung sind in Insomniacs Spider-Man bereits dokumentiert und da es ja das ganze Rechte-Problem mit Marvel gibt wird sich diese Osborn-Variante wohl auch nie darüber ärgern müssen, dass ihm Stark Industries Aufträge vor der Nase weggeschnappt hat. So gesehen hat Oscorp innerhalb des Insomniac-Spider-Man-Universums nun fast ein Monopol inne oder zumindest die Rolle von Stark Industries aus dem MCU. Damit kann man sicher gut arbeiten.

 

Es wird zwar in-universe nicht als großer Skandal gehandelt, aber Oscorps Einsatz von Söldnern, seine Einflussnahme auf die Kommission, die zunächst Octavius Industries unterstützte oder die von ihm unterstützte Kill Order für Spider-Man rücken den Politiker Osborn mehr als nur ins Zwielicht. Gerade für das Todesurteil gegenüber Spider-Man sollte einem einfachen Bürgermeister New Yorks eigentlich die Berechtigung fehlen, aber Osborn umging dieses Problem ja auch damit, dass er nicht das NYPD als seine persönlichen Auftragsmörder einsetzte, sondern eine private Söldnerarmee. Wie wurden diese Söldner aber überhaupt finanziert? Sie begingen ja einige klare Verbrechen gegenüber US-Bürgern, für die am Ende scheinbar niemand belangt wurde oder belangt werden konnte. Hat am Ende vielleicht doch Oscorp die Rechnung für den Einsatz des Einsatzes von Söldnern auf amerikanischen Boden bezahlt? Oder verwendete Osborn dafür Mittel, die für die "Pandemiebekämpfung" flüssig gemacht worden waren? Wie auch immer, Bürgermeister Osborn wäre in vielerlei Hinsicht befangen gewesen und trotzdem trat niemand auf, um ihn in seine Schranken zu weisen. Osborn war Oscorps Bürgermeister und mir scheint es so, als hätte er seiner Firma in dieser Funktion auch die diversen Staatsaufträge zugeschanzt, nur um dann via Oscorp sogar noch seine Kompetenzen als politischer Funktionär überschreiten zu können. Spider-Man wie einen Terroristen zum Abschuss freizugeben wäre meines Erachtens rechtlich gerade einmal dem US-Präsidenten zugestanden und für die Mobilisierung der Nationalgarde hätte sich Osborn wohl auch an den Gouverneur wenden müssen, stattdessen umging er den etablierten Rechtsstaat indem er eine Firma für diesen Job einspannte und dieser so nebenbei auch noch als Gegengeschäft Waffen aus Oscorp-Produktion verkaufte. Das ist für mich dann doch kein Held, sondern ein Schurke.

Osborns reguläres Krisenmanagement lässt ja schon nichts gutes vermuten, aber Doc Ock hat im Grunde auch "nur" Normans politische und wirtschaftliche Karriere bedroht, ohne Osborns wunden Punkt zu kennen - Harry!

 

Man kann sich nur vorstellen, zu welchen Opfern Osborn bereit ist, wenn es darum gehen wird Harry vor seinem scheinbar unvermeidbaren Tod zu bewahren. Mr. Negative und Doc Ock sind wohl nur ein Vorgeschmack darauf, wozu Osborns Obsession mit einem Heilmittel für seinen Sohn führen kann. Wäre Osborn nicht schon vorher aus den Filmen als der ultimative Bösewicht und Spider-Mans größter Widersacher bekannt gewesen, man könnte noch überrascht gewesen sein, dass dieser aufstrebende Politiker zu solchen Mitteln greift. Aber der grüne Schein welcher in der Post-Credit-Scene der Main Story Osborns Gesicht beleuchtet lässt ja schon vermuten, dass wir früher oder später den Aufstieg des Green Goblin erleben werden. Die Frage ist nur noch, aus welchem Grund sich Norman das Goblin-Serum spritzen wird. In den Comics wurde dessen Auswirkung ja psychedelischen Drogen nachempfunden. Norman würde sich neben den gewünschten Supersoldaten-Kräften also auch einen ganz schlechten Trip und eine nur schwer heilbare Psychose einhandeln.

Gleich zu Beginn Wilson Fisk hinter Gittern zu bringen hat mich am Beginn von Insomniacs Spider-Man auch daran erinnert, wie Gotham City in verschiedenen Darstellungen ja auch erst zum Hort von maskierten Rächern und Superschurken wurde, weil die Dominanz der Mafia gebrochen wurde. Marvels Wilson Fisk ist jedoch nicht bloß ein Carmine Falcone, sondern jemand der sogar über den verschiedenen Mafia-Familien stand und je nach Darstellung auch die verschiedenen Superschurken im Zaum hielt. Ohne Fisk schien mir New York dazu verdammt wie Gotham zu werden. Bruno Hellers Serie Gotham (mit einem Bruce Wayne, der gerade einmal ein Teenager ist) hat in meinen Augen vor allem in den ersten Staffeln sehr interessant gezeigt, wie der Zerfall des organisierten Verbrechens, eine neue Art von mehr oder weniger organisiertem Verbrechen auf den Plan rief. In Gotham arbeiteten so manche spätere Superschurken zunächst für die Mafia oder gerieten in Labor-Unfälle, die sie zunächst nach Arkham brachten, wo ihnen oft alles andere als ein Weg zur Rehabilitation geboten wurde. Gegen Ende von Hellers Gotham-Serie stehen nicht mehr die waschechten Mafiosi, sondern die diversen Superschurken wie der Pinguin an der Spitze ihrer eigenen "Mafia-Familien". In Insomniacs Spider-Man erleben wir eine etwas abgespeckte Version dieser Entwicklung, wenn sich der Pate Hammerhead in den DLCs durch die Reihen der anderen Maggia-Teilfamilien mordet und am Ende als Cyborg die Wiedergeburt der Mafia unter seiner Führung verkündet. 

Marvel und gerade Spider-Man sind eigentlich nicht so düster ausgelegt wie die Batman Comics, weshalb man sich von einem Spider-Man-Game grundsätzlich kein Arkham Asylum erwarten sollte. So ganz wird man den Einfluss der Arkham-Spiele oder auch Nolans düsterer Batman-Trilogie nie ganz los, auch wenn man es mit einem scherzenden Helden in einem ganz anderen Superhelden-Universum zu tun hat. Für das düstere gibt es bei Marvel ja eigene Comic-Reihen und Antihelden wie den Punisher. Trotzdem passiert in Insomniacs Spider-Man einiges, das einem durchaus an die Nieren gehen kann, vielleicht sogar noch mehr als in Arkham Asylum, da Spider-Man eben auch kein so abgebrühter Typ wie Batman ist.

 

Die Eskalationspirale in Spideys New York habe ich ja bereits erwähnt, aber das Problem mit der Aufrüstung der Kriminellen zeigt sich auch in eher kleinen Straßengangs wie Tombstones. Das vermeintlich unverwundbare Opfer eines Chemieunfalls ist der Anführer einer Biker-Gang, der einen Weg gefunden hat durch den Einsatz der Chemikale die ihm "Superkräfte" verliehen hat auch seinen Untergebenen temporär die gleiche Unverwundbarkeit zu verschaffen. Diese Nebenstory fand ich sehr interessant, nur leider gab es nicht mehr davon. Auch in einem von Jamesons Podcasts wird angedeutet, wie etwa die Krebserkrankung von Adrian Toomes aka des Vulture mit dessen Gadget-bedingter Nähe zu radioaktiven Material zusammenhängt. So einige von Spideys Widersachern sind im Endeffekt wie Doc Ock vom Leben gezeichnete Persönlichkeiten, die Mittel und Wege suchen würden Krankheit und Tod ein Schnippchen zu schlagen. Man kann sich auch schon mal fragen, was der Antrieb der diversen Superschurken ist. In manchen Fällen kann man sie ja durchaus als Kleinkriminelle sehen, die sich eher durch Diebstahl, Vandalismus und Industriespionage mit etwas Körperverletzung, Freiheitsberaubung und Totschlag als Verbrecher ausgezeichnet haben. Man hat es hier nicht unbedingt mit psychotischen Serienmördern zu tun, die einfach möglichst viele Leute töten oder Existenzen zerstören wollen. Wenn dann haben sie oft eine ganz bestimmte Persönlichkeit im Visier, wie Doc Ock, der sich an Norman Osborn rächen wollte (dabei allerdings nichts von Osborns wahren Schwachpunkt wusste). So gesehen wäre viele von Spider-Mans Feinden auch "heilbar" bzw. rehabilitierbar, in psychischer, wie physischer Hinsicht. Doc Ock schafft es ja auch deshalb seine Sinister Six aufzubauen, weil er praktisch jedem der Mitglieder seiner Truppe eine Lösung für seine Probleme verspricht. Die Spider-Man-Filme selbst zeigen auch immer wieder, wie sich doch noch etwas gutes in so manchen Superschurken finden lässt. Nicht jeder weiß halt mit der großen Macht und großen Verantwortung richtig umzugehen, die ihm in Spider-Mans Teil des Marvel-Universums hin und wieder in den Schoß fällt. Es gibt aber eben auch Leute wie Tombstone, die es durch ihre Fähigkeiten von drittklassigen Schlägern bis an die Spitze der Bedrohungen für die öffentliche Sicherheit bringen können. Das Potential hätte Tombstone zwar, aber was ihm trotz seiner Unverwundbarkeit fehlt sind die Ambitionen. In diesem ersten Teil von Insomniacs Spider-Man-Saga scheint Tombstone meiner Meinung nach jedenfalls die Ambition zu fehlen, etwas größeres als nur der Chef einer Biker-Gang zu sein. Daran ändern auch Superkräfte wenig. So manche der Superschurken wollen aber anders als Tombstone auch kein funktionierendes Tagesgeschäft für sich aufbauen, sondern lieber in selbstmörderischen Amokläufen durch New York ziehen, bis sie knapp vor ihrem erklärten Ziel doch noch gestoppt werden.

 

Die bloße Existenz Oscorps und die Vorbildwirkung der Superschurken lässt es meiner Meinung nach sehr wahrscheinlich erscheinen, dass sich über einen florierenden Schwarzmarkt auch immer mehr Kleinkriminelle mit Hightech-Waffen und Doping-Mittelchen eindecken werden. Marvels Spider-Man: Homecoming hat ja auch schon gezeigt, wie man sich eine solche Entwicklung vorstellen könnte. In Homecoming ist es modifizierte Technologie der Alien-Invasion von New York, die durch Adrian Toomes Schwarzmarkt-Werkstätte in die Hände von Kleinkriminellen gelangt und Spider-Man das Leben schwer macht. Im MCU bzw. der gecancelten Serie Agents of Shield spielten aber auch schon entwedete Stark-Tech und Shield-Arsenale eine Rolle dabei, dass sich Gefahren entwickeln konnten, denen scheinbar nur noch Superhelden beikommen können. Insomniacs Spider-Man wird aufgrund der Rechte-Situation zwischen Sony und Disney/Marvel allerdings wohl kaum auf Organisationen wie HYDRA, SHIELD oder HAMMER zurückgreifen können. Es ist schon ein kleines Wunder, dass man den Avengers Tower verwenden konnte, aber die Fantastic Four und ihr Baxter Building fehlen im New York dieses Spider-Mans, auch wenn sie in den Comics eine immer wieder tragende Rolle spielen. Da macht es Sinn die Rolle Oscorps weiter auszubauen und so indirekt auch Osborn die Schuld an allem in die Schuhe zu schieben. 

 

Wenn sich Kleinkriminelle von leistungsverstärkenden Drogen abhängig machen, nur um der Polizei und Spider-Man entwischen zu können, dann entsteht so auch eine neue Form der Beschaffungskriminalität. Die traditionellen Gangs verlieren da ihre Bedeutung, dafür wird es wohl interessanter welche "Perks" einem die Organisationen verschiedener nachrangiger "Superschurken" wie Tombstone versprechen können.

So ein bisschen Abwechslung hätte dem Side-Content in Insomniacs Spider-Man meiner Meinung nach gut getan, vor allem bei der Gegner-Auswahl für die Straßenverbrechen. Natürlich, gegen Spielende kommen deutlich mehr Gegner mit Scharfschützengewehren oder Bazookas vor, die auch hin und wieder mit Jetpack-Trägern ergänzt werden. Aber zumindest für mich ist das ganze nach 20. Gegnergruppe irgendwann etwas langweilig geworden. Da hätte ich mir durchaus gewünscht, Tombstones Gangster würden sich auch hin und wieder unter die Kriminellen mischen.

 

Zumindest haben mich die verschiedenen Screwball-Challenges gut unterhalten, auch wenn diese auf Dauer ebenfalls etwas formelhaft wurden. Screwball ist imho die perfekte Schurkin für einen streambaren Ableger des Spider-Man-Franchise. Nach Filmen wie Nerve oder Guns Akimbo ist man mit dem Geschäftsmodell Screwballs hoffentlich auch schon vertraut. Die Idee eine Influencerin zur "Superschurkin" werden zu lassen ist nicht so völlig neu, wenn man bedenkt, dass Insomniac schon bei der Entwicklung des 2018 veröffentlichten Spider-Man darauf gekommen ist. Der Film Nerve wurde etwa auch schon 2016 veröffentlicht. Screwball stellt Spider-Man gerne Herausforderungen, etwa wie durch das Verstecken von Bomben, Geiselnahmen, die nach dem Ablauf eines Timers mit der Ermordung der Geisel enden oder indem sie Spider-Man gegen Horden ihrer gewaltbereiten Fans kämpfen lässt - alles für Clicks, Bits, Follows und Subs für ihre Livestreams. Screwball braucht kein Geld, um sich die Selbstmedikation gegen die Folgen eines gescheiterten Experiments zu behandeln und sie will auch nicht die Karriere eines Lokalpolitikers ruinieren, ihr geht es rein darum Anerkennung zu gewinnen. 

Wie Screwball bei ihrer ersten Verhaftung behauptet ist es schwierig sie dauerhaft aus dem Verkehr zu ziehen, da sie ihre Straftaten ja nie direkt selbst begeht, sondern dafür ihre loyalen Fans benutzt, welche die Dauer ihres Gefängnisaufenthalts dann wohl auch wie ihre Sub-Dauer feiern. Natürlich, Screwballs Darstellung ist etwas übertrieben, zumal es ja doch etwas schwer vorstellbar ist, dass die Follower eines populären realen Twitch-Streamers ganz bewusst das Risiko eines Gefängnisaufenthalts in den USA in Kauf nehmen würden. Aber in Spider-Mans Welt scheint alles irgendwie milder zu sein? Trotzdem ist es nicht ungewöhnlich, dass sich sehr rabiate Follower zu Straftaten wie Vandalismus, Stalking, Swatting und dergleichen anstiften lassen. In der realen Welt ist es aber auch etwas schwerer sich um die Ecke eine Bazooka zu kaufen, selbst in den USA. Man kann bei Screwballs Anhängerschaft aber auch feststellen, dass sie sich auf einige Grundlagen stützt, die sehr nahe an der unter Marvel-Helden ja weit verbreiteten Selbstjustiz liegen. Screwballs Anhänger würden wohl auch einen Streifenwagen überfallen, um sie aus diesem zu befreien oder Beweismittel verschwinden lassen. 

 

Aber nicht nur Screwball ist eine erschreckend moderne Wahl für Insomniacs Spider-Man-Game, auch J. Jonah Jameson mit seinem Spider-Man-Hate und Fake News ist nach einer Amtszeit Donald Trump überraschend zeitgemäß. So sehr Spider-Man auch immer wieder das Gegenteil bewiesen wird, Jameson hat doch einige Anhänger in New York, vor allem auch im NYPD. Jamesons Fake New Kampagnen erreichen zwar vielleicht nicht alle New Yorker, aber sie säen gerade soviel Zweifel an Spider-Mans Motiven und Verhalten, dass ihm das Privileg einer weißen Weste verwehrt bleibt. Nach Trump & Co erscheint es auch nicht unwahrscheinlich, dass rabiate Jameson-Anhänger Hass-Verbrechen gegenüber Spider-Man verüben würden oder dass Jameson mit Unterstützung des organisierten Verbrechens doch vielleicht zum Nachfolger Osborns gewählt wird. Zumindest hat JJJ ja nicht immer ganz Unrecht, etwa in Hinsicht auf die Thematik, dass Spider-Mans Existenz durchaus mit der Eskalationsspirale unter den Kriminellen in Verbindung steht. Spider-Man ist aber auch nur ein Symptom der Experimente, die Oscorp betreibt.

Dass Osborn in seinem Privatlabor unter anderem an radioaktiven Spinnen forscht (wie jener die später Miles Morales seine Spider-Man-Kräfte verlieh) finde ich grundsätzlich interessant, da die der Herkunft von Spider-Mans Kräften in Comics und Filmen ja oft sehr unterschiedlich dargestellt wird. Oscorp als Unternehmen würde an sich ja kaum eine Ausrede brauchen, um an irgendwelchen bionischen Anwendungsmöglichkeiten zu arbeiten, so wird in The Amazin Spider-Man 1 ja auch nahe gelegt, dass Oscorp die genetisch modifizierten Spinnen für die Produktion von Seidenfäden mit der Stärke von Stahlseilen verwendet. Aber in Osborns Privatlabor, neben dem Behälter in welchem Harry scheinbar mit dem Venom-Symbionten am Leben gehalten wird könnten genetisch veränderte oder radioaktive Spinnen noch etwas ganz anderes bedeuten. In The Amazin Spider-Man 2 wurde ja auch die Theorie aufs Tapet gebracht, dass Richard Parker mittels Spinnen-DNA an einer Art Gen-Therapie forschte, welche vielleicht auch dazu genutzt werden könnte, die genetische Erkrankung der Osborns dieses Universums zu heilen. In der Origin-Story von Spider-Woman Jessica Drew wurde diese durch ihre Eltern auch mittels Spinnen-DNA von einer tödlichen Krankheit geheilt und in den Ultimate Comics forschten Richard Parker und Eddie Brock senior an "Projekt Venom", das als Heilmittel für unzählige Krankheiten gedacht gewesen ist. Insomniacs Norman Osborn könnte sich irgendwo aus diesem Fundus an Lore-Fundstücken seine Venom-Variante gebastelt haben, denn die netzartige Struktur Venoms könnte ja auch irgendetwas mit Spinnen zu tun haben.

Wie man schon am Beispiel Martin Lis erfährt war Osborn schon vor der Verschlimmerung von Harrys Gesundheitszustand bereit menschliche Opfer für seine Experimente in Kauf zu nehmen. GR-27 war vielleicht nur eines von mehreren Projekten Osborns, mit denen er Harry zu retten versucht. Da fragt man sich, ob es vielleicht noch andere "Schöpfungen" wie Mr. Negative geben könnte. Vielleicht solche, die mit Spinnen-DNA ausgestattet wurden.

 

Die bereits erwähnte Jessica Drew wäre eine Möglichkeit noch mehr Spider-Personen in ein Sequel zu bringen. Aber es gäbe natürlich auch noch Kandidaten wie Cindy Moon oder Gwen Stacy, da man ja auch schon Miles Morales unabhängig von dessen Comic-Origin-Story ins Spiel gebracht hat. Cindy Moon wurde in den Comics seinerzeit von der gleichen Spinne gebissen wie Peter Parker, verbrachte unter der Aufsicht ihres Mentors jedoch Jahre in einem abgeschotteten Trainingszentrum - aus ihr wurde die Spider-Heldin Silk. Gwen Stacy wurde in einem Paralluniversum statt Peter Parker gebissen und musste als Spider-Woman dessen Tod miterleben. Insomniacs Spider-Man hielt sich hinsichtlich von Gwen Stacys Schicksal sehr bedeckt, denn in den Comics war ihr Tod einer der großen Verluste für Peter Parker, gleichzeitig wurde Spider-Gwen durch ihre Comics und ihre Spider-Verse-Auftritte sehr populär.

 

Es bestünde auch die Möglichkeit Spider-Mans Klone Ben Riley und Kaine Parker als mögliche weitere Spider-Men ins Rennen zu schicken, wobei Kaine in den Comics anfangs eher die Rolle des gescheiterten und instabilen Prototypen zukam. Er war folglich längere Zeit mehr Antagonist als Verbündeter. Die Frage ist nur, wieso man Spider-Man klonen sollte. Um ihn durch Straftaten eines Klons in Verruf zu bringen?

 

Die Teaser zum Green Goblin und Venom würden mich für Spider-Man 2 eher vermuten lassen, dass man sich auf Peters Probleme konzentrieren wird. Traditionell entwickelt sich das Verhältnis zwischen Spider-Man und Venom ja daraus, dass Spider-Man den Venom-Anzug zuerst trägt und dann wegen der Nebenwirkungen los zu werden versucht. Dabei ergeben sich durch die erwähnten Nebenwirkungen meistens einige persönliche Probleme, die er nachher zu lösen versucht, während Venom vom Fan zum Stalker wird und sich einen neuen Wirt sucht. Dieser ist dann meistens ein Rivale Peters.

 

Eddie Brock scheint in Insomniacs Spider-Verse zu existieren und für den Daily Bugle zu arbeiten, was gut dazu passen würde, dass Eddie in den verschiedensten Spider-Man-Geschichten traditionell als Venom-Wirt nach Peter Parker verwendet wird. Eddie als Venom zu sehen müsste man jedoch auch noch gebührend aufbauen. Die Grundlagen dafür könnten gelegt sein, wenn man auch in Spider-Man 2 auf MJ als Co-Protagonistin der Story zurückgreift. In Spider-Man 1 konnte sie sich ja nun eine schöne Beförderung verdienen, doch vielleicht ist sie Eddie als wahrscheinlich langjährigeren Mitarbeiter womöglich zuvor gekommen. Eddie könnte auch auf MJs direkten Draht zu Spider-Man und die entsprechenden Perks dieser Verbindung neidisch sein, vor allem wenn ihn Spider-Man als möglichen "Reporter-Partner" abweisen sollte. Und dann ist da natürlich noch das ungeklärte Verhältnis Eddies zu J. Jonah Jameson, der zwar nicht mehr für den Daily Bugle arbeitet, aber seinerzeit wohl noch Eddies Chef gewesen ist. In den Comics wird Eddie Brocks Schicksal auch immer wieder durch Krebserkrankungen bestimmt, welche durch Venom oder später sogar Anti-Venom geheilt wurden. Wenn Insomniac die Amerika-Karte ausspielen will, könnte Eddie durch eine mögliche Krebserkrankung auch soweit unter Druck gesetzt werden, dass er eine Beförderung schon alleine aufgrund seiner Krankenhausrechnungen gebraucht hätte. Jobverlust wäre für Eddie dann sogar tödlich. Da spräche einiges dafür, sich etwa mit einem experimentellen Symbionten infizieren zu lassen. Eddie könnte zum Rivalen für MJ und Spider-Man werden.

 

Es bestünde aber sogar die Möglichkeit Eddie innerhalb einer Story von Venom zu Anti-Venom werden zu lassen und dann für das Finale einen ganz anderen Venom aus dem Hut zu ziehen. In den Comics rekrutierte Norman Osborn ja auch den Scorpion MacGargan als Träger des Venom-Anzugs und setzte ihn als "Spider-Man" dann auch für seine Dark Avengers ein. Nach dem wahrscheinlichen Ende von FEAST hat Osborn nun die Wahl entweder verzweifelte Leute von der Straße oder entrechtete Kriminelle als menschliche Versuchskaninchen für die nächste Phase in der Rettung Harrys heran zu ziehen.